KOFA-Studie 7/2026: Warum Handwerksbetriebe beim Fachkräftemangel doppelt verlieren
Die neue IW/KOFA-Studie (7/2026) zeigt: Der Fachkräfteengpass im Handwerk sank 2025 nur um 9,5 Prozent – halb so stark wie in der Gesamtwirtschaft. Was das für das Erfahrungswissen kleiner Betriebe bedeutet und was Handwerksbetriebe jetzt konkret tun können.
Inhalt (15)
Die neue IW/KOFA-Studie zeigt: Kein anderer Sektor kämpft so hart gegen den Fachkräftemangel wie das Handwerk. Doch hinter jeder unbesetzten Stelle steckt ein zweiter, meist unsichtbarer Verlust – das Erfahrungswissen der Menschen, die gehen.
Was die KOFA-Studie 7/2026 zeigt
Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat Ende Juli 2026 eine aktuelle Analyse veröffentlicht: Fachkräftesicherung im Handwerk – Ausbildung zwischen Krise und Renaissance (Lydia Malin, 28. Juli 2026).
Das Ergebnis ist eindeutig: Während der Fachkräfteengpass in der deutschen Gesamtwirtschaft 2025 um 24,1 Prozent zurückgegangen ist, sank er im Handwerk nur um 9,5 Prozent. Rund 107.700 Stellen konnten allein 2024 im Handwerk nicht mit geeigneten Fachkräften besetzt werden – und über 19.000 Ausbildungsplätze blieben unbesetzt.
Besonders stark betroffen sind Elektrobetriebe, SHK-Unternehmen (Sanitär, Heizung, Klima) sowie das Bauhandwerk – ausgerechnet jene Gewerke, in denen das Wissen um Anlagenhistorien, Kundenpräferenzen und handwerkliche Feinheiten besonders schwer zu ersetzen ist.
Der zweite Verlust: Erfahrungswissen geht still
Wenn ein erfahrener Elektriker den Betrieb verlässt, fehlt nicht nur ein Paar Hände. Mit ihm geht das Wissen, das sich über 15 oder 20 Jahre aufgebaut hat: Welche Anlage beim Großkunden immer Probleme macht. Welcher Lieferant im Notfall zuverlässig liefert. Wie man Nachwuchs einarbeitet, ohne dass der Betrieb ins Stocken gerät.
Dieses Wissen ist in den allermeisten kleinen Handwerksbetrieben nicht dokumentiert. Es lebt in Köpfen, in informellen Gesprächen, in täglicher Routine. Und es verschwindet – ohne Abschiedsnotiz.
Das Institut der deutschen Wirtschaft macht im IW-Kurzbericht 46/2026 zur Babyboomerwelle deutlich, wie groß der demografische Druck ist: Bis 2036 werden der deutschen Wirtschaft rund 4,3 Millionen Arbeitskräfte fehlen – fast 50 Prozent mehr als noch 2024 geschätzt. Ein erheblicher Teil dieser Welle rollt durch das Handwerk, das traditionell überdurchschnittlich viele Mitarbeiter in der zweiten Lebenshälfte beschäftigt.
Für den Handwerksbetrieb mit zehn oder zwanzig Mitarbeitern bedeutet das: Es ist eine Frage des Wanns, nicht des Obs.
Ausbildung als Wissenssicherung – wenn man es richtig angeht
Die KOFA-Studie empfiehlt Ausbildung als wichtigsten Hebel zur Fachkräftesicherung. Das ist aus guten Gründen richtig: Wer ausbildet, hat die Möglichkeit, betriebsspezifisches Know-how strukturiert zu übertragen – nicht nur handwerkliche Fertigkeiten, sondern auch das kontextuelle Wissen, das sonst mit erfahrenen Mitarbeitern weggeht.
Aber viele kleine Betriebe scheuen die Ausbildung, weil sie die Betreuung als Belastung sehen: Zeit für Unterweisung, Prüfungsvorbereitungen, Formalia. Das ist verständlich – und trotzdem kurzfristig gedacht.
Denn ein Azubi, der von Anfang an in die Dokumentation von Projekten und Kundendaten eingebunden wird, baut in drei Jahren nicht nur Fertigkeiten auf. Er lernt den Betrieb wirklich kennen: die Kunden, die Abläufe, die Besonderheiten. Er ist nach der Ausbildung ein informierter Fachkraft, kein Einsteiger ohne Kontext.
Drei Ansätze, die Ausbildung zur echten Wissenssicherung machen:
- Tandem-Arbeit von Anfang an. Azubis arbeiten mit erfahrenen Gesellen zusammen – mit der expliziten Aufgabe, Besonderheiten zu notieren.
- Projektdokumentation als Lernbestandteil. Was war die Aufgabe, welche Entscheidungen wurden getroffen, was sollte man beim nächsten Einsatz beachten?
- Übergabezeitraum einplanen. Wenn ein erfahrener Mitarbeiter absehbar geht, sollte der Übergabeprozess mindestens sechs Monate umfassen – nicht vier Wochen.
Was Betriebe tun können, die noch nicht ausbilden
Ausbildung ist eine mittelfristige Lösung. Was ist mit dem Wissen, das schon heute in Gefahr ist?
Schlüsselpersonen systematisch identifizieren
Welche Person in Ihrem Betrieb weiß Dinge, die sonst niemand weiß? Im SHK-Betrieb kann das die Disponentin sein, die jeden Bestandskunden persönlich kennt. Im Elektrobetrieb der Monteur, der die Sonderanlagen der Industriekunden betreut. Diese Personen sind das eigentliche Risikokapital des Unternehmens – und der erste Ansatzpunkt für strukturierten Wissenstransfer.
Alltagsnotizen statt Dokumentationsprojekte
Es muss kein aufwendiges Projekt werden. Eine kurze Notiz direkt nach der Kundenarbeit – „Anlage XY hat folgende Besonderheit, nächstes Mal bitte beachten..." – reicht oft aus, um wesentliches Wissen festzuhalten. Konsequent abgelegt, wird daraus über Monate eine wertvolle Wissensbasis, die dem gesamten Team nützt.
Übergabegespräche als Routine, nicht als Feuerwehr
Viele Betriebe starten mit dem Wissenstransfer erst, wenn die Kündigung auf dem Tisch liegt. Dann fehlt die Zeit für eine sinnvolle Übergabe. Wer stattdessen quartalsweise kurze Gespräche etabliert – „Was würdest du dem Nachfolger mitgeben, wenn du morgen gehen müsstest?" – baut eine Routine auf, die im Ernstfall zuverlässig greift.
Was digitale Tools leisten – und wo ihre Grenzen sind
Für kleine Handwerksbetriebe gilt eine eiserne Regel: Kein Tool hilft, wenn es umständlich zu bedienen ist. Wer für jeden Eintrag zehn Minuten braucht, ignoriert das System nach wenigen Wochen. Tools müssen in den Arbeitsalltag passen – kurze Eingaben, strukturierte Ablage, schnell wiederauffindbar.
KI-gestützte Lösungen wie Remainly sind so konzipiert, dass Wissen im Alltag entsteht statt in gesonderten Sitzungen – DSGVO-konform und auf EU-Servern in Frankfurt betrieben.
Wichtiger als das konkrete Tool ist aber die Haltung dahinter: Wissen ist Betriebskapital. Und es verdient die gleiche Sorgfalt wie Maschinen, Fuhrpark oder Kundenstamm.
Fazit: Fachkräftemangel und Wissensverlust gehören zusammen
Die KOFA-Studie 7/2026 macht deutlich, dass das Handwerk vor einer Doppelbelastung steht: Der Fachkräftemangel ist strukturell, und er trifft das Handwerk härter als andere Branchen. Gleichzeitig droht mit jedem Abgang erfahrener Mitarbeiter ein Wissensverlust, der in kleinen Betrieben das gesamte Know-how des Hauses gefährdet.
Ausbildung ist ein Teil der Antwort – aber nur dann, wenn sie mit aktivem Wissenstransfer verknüpft wird. Der andere Teil ist systematische Wissenssicherung: jetzt, bevor der Ernstfall eintritt.
Denn wer wartet, bis der erfahrene Geselle kündigt, hat bereits verloren – zumindest was sein Wissen angeht.
FAQ
Was zeigt die KOFA-Studie 7/2026 konkret für Handwerksbetriebe?
Der Fachkräfteengpass im Handwerk sank 2025 nur um 9,5 Prozent – in der Gesamtwirtschaft waren es 24,1 Prozent. Rund 107.700 Stellen blieben 2024 unbesetzt. Elektrobetriebe, SHK und Bauhandwerk sind am stärksten betroffen.
Warum ist Wissensverlust im Handwerk besonders riskant?
Im Handwerk ist ein Großteil des Wissens implizit: Kundenbeziehungen, Anlagenhistorien, bewährte Lösungen für Bestandskunden. Dieses Wissen ist selten dokumentiert und verschwindet, wenn erfahrene Mitarbeiter den Betrieb verlassen.
Hilft Ausbildung auch gegen Wissensverlust, nicht nur gegen Stellenmangel?
Ja – wenn Ausbildung richtig gestaltet wird. Azubis, die von Beginn an in Projektdokumentation eingebunden werden und im Tandem mit erfahrenen Kollegen arbeiten, werden nach drei Jahren nicht nur Fachkräfte, sondern echte Wissensträger.
Was kann ein kleiner Betrieb ohne großes Budget sofort tun?
Drei Schritte helfen sofort: Schlüsselpersonen identifizieren, Alltagsnotizen nach der Kundenarbeit etablieren und quartalsweise Übergabegespräche einführen – bevor jemand tatsächlich geht.
Welche Branchen im Handwerk sind laut KOFA 2026 am härtesten betroffen?
Elektrohandwerk, SHK-Betriebe und das Bauhandwerk haben laut KOFA 7/2026 die größten Fachkräftelücken und sind damit am stärksten gefährdet, auch wertvolles Erfahrungswissen zu verlieren.
Weitere Beiträge
IW-Kurzbericht 46/2026: Was die Babyboomerwelle für Ihren Betrieb bedeutet
Der IW-Kurzbericht 46/2026 des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zeigt: Bis 2036 werden 4,3 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Für kleine Betriebe mit 3 bis 50 Mitarbeitern ist das vor allem eine Wissensfrage — und die Zeit zum Handeln ist jetzt.
09. Oktober 2026
Erfahrungswissen sichern: Was 92 Prozent der Betriebe falsch machen
Eine Studie von eGain und Deloitte Insights (Juni 2026) zeigt: 92 Prozent der Unternehmen sichern ihr Erfahrungswissen nicht effektiv ab. Was das für kleine Betriebe in Deutschland bedeutet – und welche Maßnahmen jetzt helfen.
09. Oktober 2026
Wissenssicherung im Malerbetrieb: Was verloren geht, wenn der Geselle mit 20 Jahren Erfahrung kündigt
Drei Viertel aller Malerbetriebe kämpfen mit Fachkräftemangel. Wenn dann ein erfahrener Geselle kündigt, geht oft jahrzehntelanges Erfahrungswissen mit ihm. So sichern kleine Malerbetriebe ihr Know-how, bevor es zu spät ist.
Wie hoch ist euer Wissensrisiko?
Mach den 2-Minuten-Selbsttest und sieh, wie stark euer Betrieb von Wissensverlust bedroht ist.
Selbsttest starten